
Buch, 280 S., Mit einem Vorwort von Oettermann, Stephan, Gebunden,
Portraitiert und photographiert von Hoffmann, Herbert, Erschienen: April 2002 |
Bilderbuchmenschen
Tätowierte Passionen - Photos aus 100 Jahren Tätowiergeschichte. BilderbuchMenschen ist ein einzigartiges Photolesebuch mit Portraits tätowierter Menschen, die zwischen 1878 und 1952 geboren sind. Viele Jahre hat der 82jährige
Hamburger Tattoomeister Herbert Hoffmann die Tätowierten dieser Generationen photographiert und ihre Lebensgeschichten aufgezeichnet.
Mit seiner einzigartigen Photosammlung nimmt der Amateurphotograph den Leser mit auf eine Zeitreise zurück ins Nachkriegsdeutschland
und gibt einen faszinierenden Einblick in ein Kapitel verdrängter Kulturgeschichte. Photolesebuch mit Portraits tätowierter Menschen, die zwischen 1878 und 1952 geboren sind. Viele Jahre hat der Hamburger Tätowierer Herbert Hoffmann die Tätowierten dieser Generationen photographiert und ihre Lebensgeschichten notiert. Mit seiner einzigartigen Photosammlung nimmt der Amateurphotograph den Leser mit auf eine Zeitreise zurück ins Nachkriegsdeutschland und gibt einen faszinierenden Einblick in ein Kapitel verdrängter Kulturgeschichte.
Leseprobe (I) Portrait des Gelegenheitsarbeiters Eduard Sartory, geb. 1878 in Neuss: Eduard maß nur knapp einen Meter sechzig und schwang gerne große Reden. Seine Freunde riefen ihn nur Pastörke (Pastörchen), was er selbst gern hörte. Seine Tätowierungen stammten zum Teil noch aus der Zeit vor der Jahrhundertwende und aus den frühen Zwanziger Jahren. Sie waren fast alle von Knastkollegen angefertigt worden. Er trug am ganzen Körper Bilder von Küchengeschirr - Kochtöpfe, Bratpfannen, Kaffeetassen und Wellholz. "Da wir im Knast so schlecht verköstigt wurden, träumten
alle nur von gutem Essen", erklärte er mir. "Das hab' ich halt auf meinem Körper verewigt." Obwohl wir aus sehr unterschiedlichen Kreisen kamen, führte doch unsere gemeinsame Tätowierleidenschaft zu gegenseitigem Vertrauen und Respekt. (II) Auszug aus dem Vorwort des Historikers Dr. Stephan Oettermann: Tätowierungen hatten Herbert schon seit seiner Kinderzeit im ländlichen Pommern der
Zwanziger Jahre fasziniert. Obwohl aus bürgerlichem, protestantischem Hause stammend, liebäugelte der Junge mit dem "einfachen Volk": "Man brauchte Arbeitsleute für's Geschäft, für die Feldbestellung, für Handwerksarbeiten, für Dienstleistungen. Ringsum lebten einfache Menschen, arme Tagelöhner, harte Arbeiter, muskulöse Gesellen. Die Leute waren derb, hatten schwielige
Hände, ihre Lederstiefel waren vom Ackerboden schmutzig oder vom Stallmist, ihre braunen Manchesterhosen und Arbeitshemden waren alt und von Flicken übersät, die blaue Arbeitsmütze war von Sonne und Regen ausgeblichen, der Schirm stark abgegriffen. Ich empfand eine Hochachtung vor diesen anspruchslosen, arbeitsamen und zufriedenen Menschen. Viele, sehr viele von ihnen, waren tätowiert. Sie hatten einfache blaue Tätowierungen auf Armen und Händen. Manchmal blitzte aus dem grauen Arbeitshemd auch eine Tätowierung auf der Brust heraus.
Bald gehörten nach meiner Vorstellung Arbeitsleute und Tätowierungen zueinander. Die blauen Bilder und Zeichen auf ihren Armen und Händen fesselten mich und machten mich immer neugieriger. Sie wurden meine Vorbilder. Ich wollte werden ganz wie sie - und tätowiert wie sie." Tatsächlich waren die meisten Tätowierten, die Herbert Hoffmann in seiner Jugend beobachten konnte, bereits ältere Männer,
die ihre blauen Hautstiche schon vor dem Ersten Weltkrieg oder wenig später erworben hatten. Seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts war es, insbesondere in den Unterschichten, zu einer weiten Verbreitung gekommen. Der berühmte Berliner Pathologe und Sozialmediziner Rudolf
Virchow bezeichnete das Phänomen um 1900 sogar als "Tätowierungswut". Der parallel dazu einsetzende kriminalanthropologische Diskurs argwöhnte in der Tätowierung ein Zeichen für "Abnormität und Devianz", wenn man sich nicht gar dazu verstieg,
den Tätowierten als "geborenen Verbrecher" oder "degenerierten Adligen" zu diskriminieren. Fast überall in Deutschland
verweigerten die Polizeiverwaltungen den Tätowierern die Gewerbeanmeldung, außer in den Hafenstädten, wo man die Tätowierung als Seemannsfolklore tolerierte.Wandergewerbescheine für Tätowierer wurden grundsätzlich nicht erteilt, so daß die herumziehenden Gelegenheitstätowierer in Wanderherbergen, Kneipen oder am Rande von Rummelplätzen mehr oder weniger verborgen und illegal arbeiteten, immer von Haft und Schub bedroht.
Portrait Herbert Hoffmann, Jahrgang 1919, ist der älteste noch
lebende Tätowierer Deutschlands und gilt nicht nur in Tattookreisen als lebende Legende. Viele Jahrzehnte führte er die "Ülteste Tätowierstube Deutschlands" in Hamburg-St. Pauli. Zu seinen Kunden zählten neben Seeleuten und Hafenarbeitern auch einige prominente Persönlichkeiten, die den exotisch-anrüchigen Ort am nur heimlich aufsuchten.Heute lebt Herbert Hoffmann in der Schweiz und besucht Tattoomessen in ganz Europa, wo er als Ehrengast über die Geschichte und Tradition der Tätowierkultur berichtet.
Rezensionen und Kritiken Der opulente Bildband wird den Namen Herbert Hoffmann über die Tätowierszene hinaus auch bei jenen bekannt machen, die sich für Photokunst und deutsche Nachkriegsgeschichte interessieren. TÜTOWIER MAGAZIN, April 2002 Insbesondere
die Tatsache, daß in jener Zeit das Tätowieren noch etwas Anderes darstellte als die heutzutage bekannte und weitverbreitete Massenproduktion, macht das liebevoll aufgemachte Buch zu einem "Must-have" in der Hausbibliothek. UNCLESALLYS, Berliner Szenemagain, Juni 2002
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